Donnerstag, 24. Februar 2011

Es geht auch anders...


Auf der Suche nach Gegenbeispielen korrekten zitierens, habe ich mich an einen Text von Umberto Eco erinnert, den ich vor Jahren einmal gelesen hatte. Das Stück heisst: "Wie man einen Ausstellungskatalog bevorwortet" und stammt aus seinem Buch "Wie man mit einem Lachs verreist". Eine sehr humorige Zusammenstellung verschiedener Alltagsgeschichten aus dem Leben des Autors. In einer ersten Version dieses Posts hatte ich die inhaltlichen Textstellen markiert, aber das würde einem den Spaß am Lesen nehmen und der Kairos der Pointe würde an euch vorüberziehen, ohne das ihr die Gelegenheit am Schopfe gepackt hättet. Den Link zum Buch habe ich bei der Quellenangabe unten angegeben.

Um dem Leser (zum Begriff des Lesers vgl. D. Coste, “Three concepts of the reader and their contribution to a theory of literary texts”, “Orbis litterarum” 34,1980; W. Iser, “Der Akt des Lesens”, München 1972; “Der implizite Leser”, München 1976; U. Eco, “Lector in fabula”, Mailand 1979 [dt. München 1987]; G. Prince, “Introduction à l’étude du narrataire”, “Poétique” 14, 1973; M. Nojgaard, “Le lecteur et la critique”, “Degres” 21,1980) einige neue Intuitionen zu vermitteln (vgl. B. Croce, “Estetica come scienza dell’ espressione e linguistica generale”, Bari 1902; H. Bergson. “Ceuvres”, Edition du Centenaire, Paris 1963; E. Husserl, “Ideen zu einer Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie”, Den Haag 1950) über die Malerei (zum Begriff Malerei vgl. Cennino Cennini, “Trattato della pittura”; Bellori, “Vite d’artisti” Vasari, “Le vite”; P. Barocchi [Hrsg.], “Trattati d’arte del Cinquecento”, Bari 1960; Lomazzo “Trattato dell’ arte della pittura”; Alberti, “Della pittura”; Armenini, “De’ veri precetti della pittura”; Baldinucci, “Vocabolario toscano dell’ arte del disegno”; S. van Hoogstraaten, “Inleyding tot de Hooge Schoole der Schilderkonst”, 1678, VIII, i, 8.279 ff.; L. Dolce, “Dialogo della pittura”; Zuccari, “Idea de’ pittori”) von Antonio Fomez (zu einer allgemeinen Bibliographie vgl. G. Pedicini, “Fomez”, Mailand 1980, besonders S. 60-90), müßte ich eine Analyse (vgl. H. Putnam, “The analytic and the synthetic” in “Mind, Language and Reality” 2, London/Cambridge 1975; M. White [Hrsg.], “The Age of Analysis”, New York 1955) in Gestalt (vgl. W. Köhler, “Gestalt Psychologys” New York 1947; P. Guillaume, “La psychologie de la forme”, Paris 1937) vollkommener Unschuld und Unvoreingenommenheit bewerkstelligen (vgl. Piaget, “La representation du monde chez Penfant”, Paris 1955: G. Kanizsa, “Grammatica del vedere”, Bologna 1981). Das aber ist ein Ding (zum Ding an sich vgl. Kant, “Kritik der reinen Vernunft”, 1781-1787) der Unmöglichkeit in dieser Welt (vgl. Aristoteles, “Metaphysik”) der Postmoderne (vgl. vgl. ((vgl. (((vgl. vgl.)))))). Darum sage ich hier nichts (vgl. Sartre, “L’ être et le néant”, Paris 1943), und mir bleibt nur zu schweigen (vgl. Wittgenstein, “Tractatus”, 7). Entschuldigen Sie, vielleicht ein anderes (zum Begriff des anderen vgl. J. Lacan, “Ecrits”, Paris 1966) Mal (vgl. E. Violletle-Duc, “Opera omnia”).
Umberto Eco, Wie man einen Ausstellungskatalog bevorwortet, in: Ders., Wie man mit einem Lachs verreist (1992), Hanser, München 1993, S. 71f.

Ebenfalls sehr humorig, ein anderes Vorwort eines anderen Autors.

Sonntag, 20. Februar 2011

Karl-Theodor zu Guttenberg - Ein Nachruf

  
Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?  Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.  Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Stück schreiben soll. Und bevor mir ein oberlehrerhafter Bildungsbürger, natürlich gut gemeint, mangelhafte Zitierweise vorwirft, gleich vorneweg: Lutherbibel, Ausgabe von 1918, Matthäusevangelium, Kapitel 7, Zeile 15-20.

Either for her stay, or going: th' Affaire cries hast: And speed must answer it.

Der Spiegel wird in seiner Montagsausgabe, die mir bereits am Samstagabend vorlag, mit dem gleichen Thema titeln und deswegen muss ich mich beeilen, um nicht am Ende, als Plagiator enttarnt, fremde Gedanken zu wiederholen. Ach ja: Othello, the moor of venice, William Shakespeare, Actus Prima, Scaena Tertia.

Ich bin enttäuscht! Maßlos enttäuscht! Das Ausmaß des Plagiats ist so gewaltig und umfassend, dass einem schlichtweg die Spucke wegbleibt. Im Gegensatz zur vorsichtig formulierenden Papierpresse habe ich ja den Vorteil unmittelbar, und natürlich auch ungefiltert, Informationen weitergeben zu können. Ich habe mich also wieder einmal rumgetrieben und Nachforschungen angestellt. Die fragliche Dissertation ist natürlich, im Gegensatz zu Agenturmeldungen, sehr einfach als PDF zu bekommen und lag bereits nach 3 Minuten in meinem elektronischen Briefkasten. So sieht es im Moment aus:

Seiten, auf denen Plagiate gefunden wurden (schwarz). Das Inhaltsverzeichnis (Seiten 1-14) und Anhänge ab Seite 408 (blau) wurden bei der Berechnung der Prozentzahl nicht einbezogen. Seiten mit Plagiaten mehrerer Quellen sind rot dargestellt.


Ich bezweifle sehr, das eine wie auch immer zusammengesetzte Kommission der Uni Bayreuth zu einem anderen Ergebniss kommen kann, als die Mitautoren des GuttenPlagWikis, von dessen Seite die Grafik entnommen ist. In nicht einmal 48 Stunden, das Wiki wurde am Freitag aufgesetzt, wurde diese Arbeit derartig zerlegt und auseinander genommen, dass kein noch so wohlwollendes Gremium sie retten kann. Der Doktortitel ist unwiderbringlich verloren. Man muss die Arbeit auch gar nicht mehr lesen, um zu diesem Schluss zu kommen. Was auch immer daran einmal originär war, es ist das Papier nicht mehr wert, auf dem es gedruckt wurde. Ich maße mir an im Abfassen von Dissertationen sachkundig genug zu sein, um das beurteilen zu können. Einige meiner Blogleser haben auf diesem Gebiet ja auch Erfahrung.

Aus meiner Erfahrung im Abfassen und korrigieren von wissenschaftlichen Arbeiten bleiben nur wenige Erklärungsmöglichkeiten, wie es dazu kommen konnte. Entweder der Autor ist unfassbar dumm, oder der genannte Autor ist nicht der Verfasser. Ich will an dieser Stelle nicht nachweisen, was dieses wertlose Ejakulat eines gewissenlosen, selbstverliebten Selbstdarstellers so wertlos macht. Das kann jeder tun, der Google bedienen kann. Einfach einen beliebigen Textabschnitt kopieren und Dr. Google findet dann schon etwas. Gerne stelle ich die "Arbeit" zur Verfügung. Was mich so aufregt ist die unverschämte Dreistigkeit mit der hier gehandelt wurde. Seitenweise Vollplagiat! Sich dann vor die "handverlesene" Presse zu stellen und von "bestem Wissen und Gewissen" zu reden, mir ist richtig übel geworden dabei. Vor 24 Jahren wurde mir das letzte mal so übel. Mich würde es nicht wundern, wenn der Herr Bundesminster in nächster Zeit in einem Genfer Hotel ein Bad nimmt.

„Der Vorwurf ist absurd, die Arbeit ist kein Plagiat“, sagte Häberle der „Bild“-Zeitung (Donnerstag). „Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert.“ Gleichzeitig betonte der inzwischen emeritierte Wissenschaftler: „Herr zu Guttenberg war einer meiner besten Seminaristen und Doktoranden.“  
Herr Häberle, womit verdienten sie eigentlich Ihr Geld? Das Betreuen von Doktorarbeiten gehörte nicht zu Ihrer Arbeitsplatzbeschreibung, soviel ist sicher! Jeder Mensch, der einen Computer bedienen kann, erkennt dieses Schriftstück als Plagiat. Hoffentlich war das Honorar wenigstens den Stress wert, den sie nun haben. 

Liebe Prüfungskommision, SUMMA CUM LAUDE? Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein! Da kann ich mir auch einen Titel in Osteuropa kaufen. Wozu habe ich mir 4 Jahre lang, teilweise die Nacht durch, den Arsch aufgerissen. 4 lange Jahre lang keinen Tag Urlaub, bei 70-Stunden-Wochen für einen Stundenlohn von umgerechnet 2 Euro 40! 

Er heischt in des allmächtgen Gottes Namen,

Daß Ihr Euch abtun und entkleiden sollt
Erborgter Hoheit, die durch Gunst des Himmels,
Durch der Natur und Völker Recht ihm zusteht
Und seinen Erben: Eurer Krone nämlich
Und aller Ehren weiten Kreis, den Sitte
Und Anordnung der Zeiten zugeteilt
Der Krone Frankreichs. 

Und, um im Bild zu bleiben, wo kein Mahnen hilft, da folgt das blutige Erzwingen! Ich überlasse es mal meinen Lesern, das Zitat zu erkennen. Der erste der es in der Kommentarsektion richtig zuweisen kann, dem stelle ich eine Promotionsurkunde aus, Summa cum laude natürlich, mit Klebesternchen.

Was ist jetzt die Moral von der Geschichte? Alles muss einen Sinn haben, das Gute muss siegen. Some shall be pardon'd, and some punished. Na, woher? 

Wir haben einen Prüfling, einen Prüfer und eine Prüfungskommision, die gemeinsam alles in den Schmutz ziehen, was Wissenschaft so wundervoll macht. Gerade habe ich noch in einem Beitrag eine Disziplin der Wissenschaft der Untätigkeit geziehen. Die Worte bleiben mir im Halse stecken! Der akademische Betrieb meuchelt sich selbst! Da braucht es keine Kreationisten oder Homöopathen, das besorgen wir schon selber. Wenn es ein gutes hat, dann das die Promotion für Egomanen an Attraktivität verliert, die Macht und Mittel haben sie sich zu kaufen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die promovierten Volksvertreter jetzt hastig ihre  Arbeiten korrigieren. Auf den politischen Fallout bin ich nicht einmal eingegangen, das wäre fast einen eigenen Artikel wert. 

Ich schließe, natürlich, mit einem Zitat, ohne Fußnote, ohne den Autor zu nennen. Es ist ja offensichtlich sowieso egal.

Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen...

Iago, der Lügenbaron

Hier ist der Dreck, für die Masochisten, die es sich wirklich im Original antun wollen. 

Freitag, 18. Februar 2011

Warum die Mathematik ungeeignet ist die Welt zu erklären - Eine Polemik

In direkter Entgegnung auf diesen Blogpost habe ich mich entschlossen eine Replik zu schreiben. Viel Text, viel Pathos, keine Bilder!

Die Mathematik hat ein Imageproblem! Der Postersteller hat selber einmal im persönlichen Gespräch eine Anekdote aus dem wissenschaftlichen Alltag beschriebenen, als er nämlich beschrieb wie der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog anläßlich einer Mathematikertagung zum besten gab, das er in Mathe in der Schule ja auch nicht besonders gut gewesen sei. Vor der versammelten Elite der deutschen Mathematiker wohlbemerkt.

Dies wurde zum Anlass genommen darüber zu wimmern, wie schlecht beleumundet die Mathematik im gesellschaftlichen Diskurs doch ist. Ich entgegne: Selber schuld! Ist den Naturwissenschaften insgesamt gemein, das sie sich nicht besonders geschickt in der Öffentlichkeit darstellen, gilt dies für die Mathematik im besonderen. Ihr habt nichts! Ihr seit die ärmsten Schlucker unter den Naturwissenschaften, oder wie Ihr gerne elitär feststellt, den Geisteswissenschaften.

Die Biologie ist die Königin unter den Wissenschaften, denn sie beschreibt das Leben selbst, alle anderen Wissenschaften tragen Ihr zu.

Die Chemie kann von sich behaupten: Wir haben den Menschen geholfen, die stoffliche Natur der Welt zu beschreiben und ohne uns funktioniert kein Auto, es gäbe keine Medikamente und überhaupt keine funktionierende Medizin. Das versteht jeder.

Die Physik hat durch ihre Nähe zur Mathematik und spätestens seit Entdeckung der Kernspaltung jeden Kredit in der Öffentlichkeit verloren. Aber immerhin können sie den LHC vorweisen. Der Large Hadron Collider bei Genf ist eine sehr coole Maschine und sie können sagen: "Seht her, hier arbeiten tausende von Forschern aus aller Herren Länder, aller Religionen und aller politischen Richtungen für ein gemeinsames Ziel. Zu wissen, was die Welt im innersten zusammenhält! So schlecht sind wir doch gar nicht."

Aber die Mathematik? Das Bild vom Koch und vom Kellner fällt mir hier ein. Oder, persönlicher. Ich habe meinen Vater als Polizisten immer gerne darauf hingewiesen das in seinem Dienstausweis stand: Hilfsbeamter der Staatsanwaltschaft! Ihr seit die Hilfsbeamten der Physik, die Kellner der Chemie und die Biologie hat sich erbarmt euch das Orchideenfach der Biomathematik zuzuweisen. Dort könnt Ihr euch austoben, ungesehen, ungehört im Dunkeln unter Neonröhren.

Ihr habt keine Lobby, ihr habt keine großes mitreisendes Projekt, ihr sprecht eine Sprache, die nur Ihr versteht. Ihr habt keine großen Welterklärer, keiner kennt eure Helden, keiner singt eure Lieder. Ihr seit wichtig, ohne Frage. Ohne euch funktioniert fast nichts, aber ihr arbeitet dort, wo das Licht niemals scheint. Eure größten Geister leben in kleinen Apartments bei Sankt Petersburg bei Mama.

Fibonacci, de Fermat, Bernoulli, Leibnitz, Euler, Lagrange, Laplace, Fourier, Möbius, Weierstraß, Riemann, Hilbert, von Neumann, Gödel, Turing. Wer hätte je von Ihnen gehört? Einzig Gauß und Newton sind einem größeren Publikum bekannt. Letzterer eher wegen seiner Beiträge zur Physik.

Here is buried Isaac Newton, Knight, who by a strength of mind almost divine, and mathematical principles peculiarly his own, explored the course and figures of the planets, the paths of comets, the tides of the sea, the dissimilarities in rays of light, and, what no other scholar has previously imagined, the properties of the colours thus produced. Diligent, sagacious and faithful, in his expositions of nature, antiquity and the holy Scriptures, he vindicated by his philosophy the majesty of God mighty and good, and expressed the simplicity of the Gospel in his manners. Mortals rejoice that there has existed such and so great an ornament of the human race! He was born on 25 December 1642, and died on 20 March 1726/7.

Ich war in der Westminster Abbey, ich habe es gelesen: “Mortals rejoice that there has existed such and so great an ornament of the human race!” Welche Anmaßung, welch elitärer Standesdünkel. Leibnitz selbst war das zuwider.

Eure Leistungen sind dem gebildeten Publikum nicht verborgen geblieben. Ihr habt die Enigma geknackt und wahrscheinlich damit den Krieg gewonnen oder zumindest erheblich verkürzt. Ihr habt tausende von Menschenleben damit gerettet. Aber die Barden singen nicht eure Lieder, sie preisen nicht euer Heldentum, sie singen: „ How can i save my little boy, from Oppenheimers deadly toy.“

Euer Elfenbeinturm ist der höchste und schönste im ganzen Land, aber Ihr verlasst ihn nie! Ich seid gefangen in eurer Wissenschaft, euer Turm ist voll mit Spiegeln in denen Ihr nur euch selbst seht. Ihr habt nicht einmal große Schurken wie Oppenheimer oder Teller. Ihr seid die Eichmanns, die Bürokraten, die Zuträger, die stillen Arbeiter des Systems. Niemand hat euch angeklagt, es gibt keine große Kontroverse, keinen Prozess. Niemand hört eure Botschaft, niemand nimmt euch die Beichte ab.

„On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life”

Dieses Buch hat die Welt verändert. Wo ist euer Buch? Wo sind eure Helden? Wo sind eure Schlachten, wo sind eure Kriege? 

Wir müssen jeden Meter verteidigen gegen die falschen Propheten, gegen die Kreationisten, gegen die Homöopathen, gegen die Astrologen, gegen die Religionen. Und wir verlieren! Wir hätten gerne Hilfe. Wir sind an der Front, wir müssen erklären, uns trifft es am härtesten.

 Wo seid Ihr?