Freitag, 16. November 2012

Outbreak



Meine Herren, ich vergesse, daß ich in Europa bin! Robert Koch angesichts der Zustände in Hamburg während der Choleraepidemie 1892

Heute habe ich die Nacht in der Notaufnahme des Klinikums Itzehoe verbracht, genauer gesagt auf der Isolierstation der Neurologie. Nachdem ich, sehr zu meiner Scham, in der Sauna eine Synkope erlitt und mich dort erbrach. Anschließend wurde ich auf die Station verbracht und erlitt 3 Stunden später eine weitere Synkope. Das war der Startschuss für eine der seltsamsten Erfahrungen der letzten Jahre. 

Operation Cleansweep in Bad Bramstedt, Dustin kennt sich aus.
10 Minuten später standen 7 Frauen in meinem Zimmer, vollständig in Einmalkleidung gewandet mit Mundschutz, Handschuhen und Plastiküberziehern für die Schuhe. Es war ein bizarres Bild. Meine Habseligkeiten wurden in große Plastiktüten mit der Aufschrift „Biohazard“ verpackt und mein Zimmer wurde mit einem Plastikband gleichnamiger Aufschrift versiegelt. Anschließend wurde ich von diesen Astronauten mit viel Tatütata ins Klinikum Itzehoe verbracht, weil es dort eine Isolierstation gibt und Eppendorf in Hamburg und die Uniklinik Kiel zu weit weg waren. Es wurde wirklich der ganze große Bahnhof gefahren. Hanta, Marburg oder Ebola wären stolz gewesen. Da lag ich nun in meinem Bett, von der Welt getrennt durch durchsichtige Plastikvorhänge und ab und an kamen Marsmenschen herein und stellten die immer gleichen Fragen. Ich hatte wirklich das Gefühl, die Ausserirdischen wären gelandet oder ich wäre in eine Militärübung geraten.



Der absolute Höhepunkt des Tages war eine Szene, die ich wohl nie vergessen werde. Um 8 Uhr war große Visite.  5 Marsmenschen, begleitet von einem fluchenden kleinen Männchen in normaler Arztkleidung betraten den Raum. Das Männchen schaut mich an und ich sage so lächelnd zu Ihm: „Sie haben mich entführt. Holen Sie mich hier raus.“ Das Männchen wird noch ärgerlicher und schnaubt: „Immer diese Spinner aus Bad Bramstedt und Ihr fallt jedes Mal darauf rein. Der Mann hat eine Magen-Darm-Grippe.“ Damit reisst er seinen Assistenzärzten die Masken vom Kopf, entfernt den Plastikvorhang und macht Sie derartig rund das es eine Freude ist. Sie werden immer kleiner und folgen ihm im Gänsemarsch unter meinem dürren Gelächter aus dem Raum. 2 Stunden später sitze ich im Taxi nach Bad Bramstedt. 

Dienstag, 13. November 2012

Living in a bubble


Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!


Eigentlich wollte ich jetzt über die Therapie schreiben und was ich hier den ganzen Tag mache, aber ich finde ich sollte erst ein paar Worte über Patienten dieses Krankenhauses verlieren. Es sind ungefähr 400 give or take. Den besten Überblick bekommt man, wenn man im Speisesaal die Leute beobachtet. Man kann dort heiteres Gestörtenraten spielen.
Der alte Fritz, völlig gechillt angesichts seiner Untertanen
Am meisten ins Auge fallen natürlich die Adipösen. Damit meine ich allerdings Leute, gegen die ich gertenschlank bin. Sie sind meistens an der Salattheke zu finden (wegen gesund und so). Das ist aber nur Show. Von der Menge wird kein Mensch satt, die haben sicher andere Kanäle um sich vollzustopfen.

 Als zweites, und da muss man schon genauer hinschauen, fallen einem die Anas und die Mias auf. Die sitzen immer an einem eigenen Tisch und kaschieren ihren Körper durch zwei Pullover und drei Strumpfhosen. Ausserdem tanzen sie ne halbe Stunde um ein Radieschen rum, was sie umständlich zerteilen und mit einem Salatblatt garnieren. Sie trinken meist nichts! Warum? Weil sie morgends schon 2 Liter vor dem Wiegen getrunken haben. Da hat man dann keinen Durst mehr.  Manchmal, wenn ich schlecht drauf bin, tische ich mir ordentlich auf, setze mich direkt an den Nebentisch und haue zünftig rein.

Achja: Anas, Mias, Bordis, Depris. Euphemismen, Diminuitive und kryptische Abkürzungen jeglicher Art sind an der Tagesordnung. Hauptsache man ist weit weg von der klinischen Terminologie und der kalten Realität. Verdrängung ist ein großes Ding hier.

Die nächste große Gruppe sind die Bordis. Immer lange Ärmel, ist ja klar. Will man aber auch garnicht sehen, diese Unterarme. Davon haben wir einen ganzen Sack voll auf der Station. Dort sind sie dann unter sich und da ists dann auch egal. Sind eh meist Verbände drauf.

Dann gibt es noch die kleine, aber feine Gruppe der Zwangsgestörten. Der Eingang vor unserer Klinik ist gepflastert. So viele Linien. „Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe…“ Ihr wisst schon. Fugenränder von Fliesen: Unüberwindbar. Ich bin mal frühstücken gegangen und kam 30 Minuten später aus dem Speisesaal wieder raus. Geländefortschritt: 5 Meter. Leben am Ereignisshorizont eines schwarzen Lochs. Der Blick total abwesend. Vermutlich sind alle anderen in Ihrer Welt Kolibris.  

Die Depressiven sind die Ninjas unter den Gestörten. Die haben Ihr Umfeld und vor allem sich selbst solange belogen, das es Ihre zweite Natur geworden ist. Anas und Mias haben auch camouflageartige Eigenschaften wenn es ums essen geht, aber irgendwann sieht man es einfach. Ein Depressiver kann jahrelang unerkannt unter euch wandeln, bucht dann eine Bootspartie in Charons Kahn und Ihr fragt euch: Why?
Macht euch echt keine Vorwürfe, dass könnt Ihr nicht sehen. Der Leitende Psychologe hat mich zum Beispiel krass falsch diagnostiziert. Deswegen bin ich jetzt hier auf der Station der einzige Depressive in einem Meer von Borderlinern, die mich mit Ihren Igelbällen bewerfen.  Sie mögen mich aber sehr, weil meine präfinale Lethargie Ihre parasuizidale Hochspannung blockiert.

F60.31 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ und F33.3 Rezidivierende depressive Störung sind Brüder im kranken Geiste sozusagen. Wo sie weiß sind, bin ich schwarz, ihre Verhaltensmuster sind dichotom, meine sind der ewig monotone Kreis der Hölle. Diese Dichotomie der Gedanken ist allerdings mitunter anstrengend für mich. Morgends bin ich das arrogante Arschloch mittags der anbetungswürdige Guru und abends fliegen wieder die Igelbälle. Mitunter durchmessen sie das gesamte Spektrum innerhalb von 30 Minuten.

Dabei haben wir durchaus auch gleichartige Symptome. In der tiefsten Lethargie, in der mondlosen Nacht eines Depressiven trennt sich der Geist buchstäblich vom Körper. Was sich sehr esoterisch anhört nennt man eine psychologische Dissoziation, oder, in medizinischen Begrifflichkeiten, einen depressiven Stupor. Dabei ist man völlig klar, man kann sich nur nicht bewegen. Es ist das ultimative Stoppsignal des Gehirns. Der Motor koppelt aus, der persönliche Schwarzschild-Radius ist erreicht, die Welt friert ein, Schmetterlinge im Inneren des Welteneis. Ist nicht einmal unangenehm übrigens.

Tricky Dick, kennt tiefe Täler und hohe Gipfel
Der Spannungszustand eines Borderliners auf der anderen Seite kann so hoch sein, das er es nicht mehr bis zu seinen Rasierklingen schafft. Dann lehnt er sich an die  nächste Wand, rutscht daran herunter und sein  Geist dissoziiert. Man darf dann auf keinen Fall eingreifen. Es ist ein Zustand höchster Sensibilität. Manchmal muss man hier auf dem Gang buchstäblich über dissoziierte Borderliner steigen.

Ich kann mir vorstellen, das sich das jetzt hier für euch total gruselig anhört und irgendwelche Horrorbilder imaginiert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Dieser Ort ist ein Amnion der Fürsorglichkeit, das Zentrum des Welteneis. Hier muss ich keine Maske tragen, ich kann meinen Panzer ablegen. Alle Patienten hier, egal welcher Klassifikation,  haben eines gemein. Sie sind deutlich sensibler als ihr. Ihr kommt uns vor wie emotionale Volltrottel, ihr seid grob, nehmt keine Rücksicht und vor allen Dingen versteht ihr nichts.

Man muss im tiefsten Tal gewandelt sein, um zu wissen wie es ist auf dem höchsten Gipfel zu stehen.

Im übrigen ist es nach wie vor sinnlos mich anzuschreiben. Ich habe einen Brief bekommen, ist direkt ungeöffnet zum Therapeuten gewandert, wird irgendwann in 2-5 Wochen mal gemeinsam gelesen. Alles was hier physisch ankommt wandert direkt ins Büro meines Therapeuten. Bitte lassen, er hat noch andere Patienten und seine kleine Bruchbude hat nur ein begrenztes Fassungsvermögen. Der E-Mail-account hat neuerdings  ein Passwort, das ich nicht kenne und die Durchwahl auf mein Zimmer ist zwar telekommunikationstechnisch möglich, wird aber natürlich von Drachen bewacht. Die kleinste emotionale Erschütterung hat im jetzigen Stadium unabsehbare Folgen. Vorgestern hat eine verschwundene Popcorntüte für 99 Cent dazu geführt das ich 36 Stunden nicht schlafen konnte und 24 Stunden nichts gegessen habe. Ich habe keine Lust zu den 2% Patienten zu gehören, die von hier in die geschlossene verlegt werden müssen. Von dort aus gibt es einen direkten Zugang zu den unterirdischen Menschenfabriken hab ich gehört! 

Dienstag, 6. November 2012

Im Irrenhaus




Ich möchte der geneigten Leserschaft mitteilen, das ich gut in Bad Bramstedt angekommen bin. Die Unterbringung ist wirklich vorzüglich (gemessen am Standart meines Appartments) und das Essen ist reichlich, gut und kostenlos. Ich esse besser als Ihr, das ist mal sicher.  Man kann sich das wie ein Mittelklasse-Hotel vorstellen, nur das eben alles kostenlos ist. Es gibt ein Schwimmbad, eine Turnhalle und *trommelwirbel* ein Sauna.  Die Aufnahme und das organisatorische Prozedere zieht sich allerdings hin. Zunächst gab es eine psychologische und eine medizinische Aufnahme (jeweils eine Stunde). Vorher gab es an der Rezeption einen Fragebogen auszufüllen, der seinen Weg aber nicht in die Station gefunden hatte, so dass ich viele Dinge doppelt erzählen musste.  Das psychologische Aufnahmegespräch verlief recht unspektakulär, es ist ja auch gefühlt das hundertste Mal, das ich einem  Mediziner oder Therapeuten die Symptomatik erläutere (ich kanns selbst nicht mehr hören).  

häusliche Idylle in Bad Bramstedt
Dann folgte das medizinische Aufnahmegespräch und das hatte es wirklich in sich. Untersucht hat mich eine junge Ärztin, sehr nette Erscheinung. Anamnese, Vorerkrankungen, blablabla. Und da dachte ich mir: Mädel, zeig mir mal was Du drauf hast! Ich stehe ja auf selbstbewusste Frauen, die was im Kopf haben. Also sagte ich ihr, das ich bei meinem Hausarzt zunächst somatisch untersucht wurde und dabei, natürlich, die Schilddrüsenfunktion getestet wurde, weil dieses Organ eine zentrale Rolle im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen spielt. Das kann soweit gehen, das man schwerste psychische Erkrankungen einfach durch die Gabe von Pillen komplett heilen kann. Logisch das man da zunächst einmal nachschaut. Vielleicht gibt’s ja ne einfache Lösung für das Problem. Ich sagte Ihr also, das eine subklinische Fehlfunktion festgestellt wurde, ich mich aber nicht mehr erinnern kann welche, nur das ich weder Hashimoto noch Basedow habe und auch rein organisch in situ nichts auffällig sei. Also bleibt eine Über- oder eine Unterfunktion.  Der Arzt hätte mir aber L-Thyroxin verschrieben. Habe ich jetzt nun eine Über- oder eine Unterfunktion?


Diese Frage ist für einen Mediziner eine reine Wissensfrage. Und sie ist einfach, sehr einfach! Das ist ungefähr so, als ob ich einen Mathematiker nach den binomischen Formeln frage oder einen Biologen nach dem Begründer der Evolutionstheorie. Jaja, vielleicht macht der Mathematiker Stochastik und der Biologe Biophysik und der Mediziner behandelt Tropenkrankheiten aber eine Ärztin, die auf einer psychatrischen Station arbeitet und eine Hyperthyreose nicht von einer Hypothyreose unterscheiden kann. WTF! 

Andererseits? Who gives a flying fuck! Egal, also erstmal rein in die Sauna. Nette Unterhaltung mit netter junger Dame geführt. Soweit, so gut. Die anderen schauen mich an wie ein Auto. Dame geht, ich: "Was is denn?" "Junger Mann, schaun Sie mal im ICD-10-Katalog unter F52.7 nach." 
Ich bin echt ein naives Schaaf, wirklich! Naja, andererseits, ich hab ja Erfahrung mit dem Krankheitsbild. So, das wars erstmal von hier. 

Mein vordringlichstes Bestreben ist es nun zunächst einen Geisterschein zu bekommen. Wer weiß, was das ist oder hat eine Vorstellung davon, was das sein könnte? Eines der wenigen  Dinge, die wirklich schlecht zu googlen sind. Und warum könnte ein Geisterschein im Zusammenhang mit Damen, die an F52.7 leiden wichtig sein?