Für die meisten Menschen ist der Titel des Blogposts eine alltägliche Floskel, die bestenfalls leichtes Desinteresse signalisiert, aber immerhin als Gesprächseröffnung am Telefon oder in Voice-Chats noch gerade so durchgehen kann. Häufig ist der Fragende auch gar nicht an der ehrlichen Beantwortung der Frage interessiert. Das alles ist ungefähr in der Preislage wie die Kommentierung des aktuellen Wetters oder "Haste mal Feuer?".
Da ich, und wir wollen nicht vergessen warum ich das Blog hier ursprünglich begonnen habe, mir diese Frage häufig selber nicht beantworten kann, ging ich nach 11 Monaten Pause mal wieder zum Neurologen meines Vertrauens, um sie im Dialog mit ihm zu beantworten. Nachdem wir 35 Minuten intensiv darüber diskutiert haben, wie es mir denn so geht, konnte er sie mir mit sorgenvollem Gesicht folgendermaßen beantworten:
Sie leiden mittlerweile an einer sich aus einer subklinischen Dysthymie entwickelten chronisch-progredienten, unipolar-rezidivierenden, depressiven Störung mit schweren depressiven Episoden, auch bereits unter Beteiligung psychotischer Symptome bei progressiver, multipler Komorbidität. Einige Symptome ihrer Depression sind so schwer, das sie bereits als eigene Krankheiten klassifiziert werden.
| Nurse Ratched will, daß ich meine Pillen nehme! *grusel* |
Fun fact im Umgang mit Kopfklemptnern: Sie fragen niemals wie es Dir geht! Eigentlich eröffnet er immer mit: "Was führt sie zu mir?" Ich kann gar nicht genug betonen, wie angenehm das für mich ist, weil ich jedesmal bei Erwähnung der Floskel an meine Erkrankung erinnert werde. Im angloamerikanischen Sprachgebrauch bezeichnet man das als "good bedside manners". Deutschen Medizinern fehlt natürlich ein Ausdruck dafür. Typisch!
Und nu? Das Zitat da oben klingt für Laien im Zusammenhang mit dem Titel des Posts ja eher nach "dem Tode nah" als "muss ja". Die kalte Wahrheit ist, das ich für eine ambulante Behandlung in einem Lehrinstitut für kognitive Verhaltenstherapie (das war mal angedacht vor einem Jahr) "to far gone" bin. Dort behandeln sie lieber klar abgegrenzte Krankheiten, wie etwa eine Phobie. Nicht so ein Monstrum, das mittlerweile auch somatisch in mehreren Organen klinisch manifest ist. Der tapfere kleine (nicht promovierte) Neurologe war jedenfalls mit einem ad hoc Therapievorschlag überfordert und muss zunächst im Hause seine (promovierte) psychotherapeutische Kollegin konsultieren. Dr. House in the house sozusagen. Auch das war unglaublich angenehm. Endlich ein Akademiker, der seine Grenzen kennt und sich nicht zu schade ist, um Rat zu fragen. Das ist so selten!
| Nein, nicht dahin! |
Das Ergebnis werde ich dann ungefähr zeitgleich mit der Antwort auf die Anmeldung für die kognitive Verhaltenstherapie (hab mich trotzdem angemeldet zwecks zweiter Meinung) in ca. 10 Tagen hören. Ich rechne mit allem: Entweder ein weiterer Termin direkt mit Dr. House zur differentialdiagnostischen Abklärung von Morbus Münchhausen (In diesem Fall wird es unangenehm und ich muss Ihn überzeugen.) oder ein schöner, zeitlich ausgedehnter, krankenkassenfinanzierter Aufenthalt in einer Ostseeklinik mit Spaziergängen an Kreidefelsen und Geocaching am Strand *träum*. "Nurse Ratched"-artige Betreuung auf Shutter Island ist natürlich auch möglich.
Der Vollständigkeit halber nochmal alle Symptome aufgelistet:
Die
Episoden dauern in der Regel (letzte 3 Monate) 3-5 Tage gefolgt von einem
Rückgang der Symptome von ungefähr einer Woche bis der Zyklus wieder von vorne
beginnt. Chronobiologisch ist die Symptomatik bei Tageslicht am stärksten und
bei Dunkelheit am schwächsten (ja, das finde ich auch seltsam und ist wohl auch ein Beispiel dafür, warum in der Schwarzen Reihe alle Antworten wo "immer" oder "nie" vorkommen, falsch sind.). Diese Rhythmik ist eigentlich nur noch als "kadenzartig" zu bezeichnen. 3 Monate Trommelfeuer mit einer Kadenz von 5-7 Tagen ist wirklich mörderisch. Jede Psyche bricht bei der Symptomatik auf die Dauer zusammen. Keine Remission seit ich vor über einem halben Jahr im Herzogtum Lauenburg zu Besuch war. Perfiderweise lauern da auch die schlimmsten Trigger. Naja, jetzt hab ich ja wahrscheinlich Dr. House auf meiner Seite.
Symptome, die in den letzten
sechs Monaten aufgetreten sind:
Suizidgedanken,
Schlafstörungen
(ich schlafe nur noch polyphasisch),
Antriebsschwäche,
depressiver Stupor (3-6 Stunden),
| vielleicht doch lieber ein Hotel in den Bergen? |
akustische Halluzinationen (tinitusartig),
körperliche Verwahrlosung,
Gewichtszunahme,
Desorganisationsproblematik
(Messie-Syndrom),
Störung der Impulskontrolle (Computerspielsucht),
soziale
Selbstisolation,
stark gesteigerte Schuldgefühle,
vermindertes Selbstwertgefühl,
verringerte Entscheidungsfähigkeit,
Grübelzwang,
Störung des Zeitempfindens
Komorbiditäten:
erektile Dysfunktion (leider ohne Libidoverlust),
allgemein erhöhte
Infektionsanfälligkeit,
subklinische Hypothyreose (leicht erhöhter TSH-Wert),
nicht verarbeiteter Partnerschaftskonflikt
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Und? Wie gehts so? Muss ja!
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Fundstücke:
Warum die Biologie immer eine bessere Presse haben wird als die Mathematik (Jawoll..)! Hitachi Magic Wand im Test! Die Kinnlade fiel mir runter, OMG! Impact Factor nahe null bestimmt aber dennoch, allein der medizinhistorische Exkurs lohnt sich.
First World Problems! 17000 $ für die Hunde im Jahr. Diese arme, arme Sau.
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