Samstag, 30. April 2011

Nekrolog

Michael Schey
Heute, am 30.April 2011, ist völlig überraschend Michael Schey im Alter von 65 Jahren gestorben. Da dies vermutlich an den meisten Lesern vorbeigehen wird, ohne das sie jemals von ihm gehört haben, möchte ich ein paar Worte über ihn verlieren. Insbesondere, da er in einem Metier tätig war, wo sich der Bildungbürger natürlich nicht auskennen kann und darf: Pornographie. Wer jemals einen deutschen Harcorefilm gesehen hat, hat vermutlich eine seiner Produktionen gesehen. Er war die absolute Nummer 1 auf diesem Gebiet in Deutschland und Europa und man kann Ihn zu den grossen kommerziellen Pornographen des ausgehenden 20. Jahrhunderts zählen. Vor seiner Produzententätigkeit war er als Journalist bei der Bild-Zeitung tätig und schrieb auch für den Spiegel und den Stern als freiberuflicher Mitarbeiter.
Ich will mich gar nicht lange seinen Tätigkeiten ausserhalb der Branche beschäftigen, dazu gibt es die seriösen Nachrufe andere Publikationen. Seine Filme zeichneten sich vor allem dadurch aus, das er häufig im Interviewstil die Darsteller bei der Arbeit kommentierte. Und das war zu Teil zum Schreien komisch. Ich bin natürlich, wenn überhaupt, nur mit seinem Frühwerk Anfang der Neunziger Jahre vertraut (logo!). Später veronkelte er zusehens. Sein Ruhrgebietshumor hat den Essener allerdings nie verlassen. Seine Arbeit zeichnete sich durch eine niemals verhehlte Bodenständigkeit aus, Hochglanzproduktionen und aufgesetzte Künstlichkeit waren ihm fremd. 
Obwohl er auch mit einigen Stars der Branche wie Michaela Schaffrath und Vivian Schmitt gearbeitet hat, war doch die Majorität seiner weiblichen Darsteller unbekannt und eher dem Amateurlager zuzuordnen. Zumindest bis in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre als der Markt von Osteuropäerinnen überschwemmt wurde. 
Rheinische Frohnatur bei der Arbeit
Als Filmemacher wird er immer eine Fußnote bleiben, das Feuilleton ignorierte ihn natürlich. Das ist insofern erstaunlich, da diese Damen und Herren ja sonst zu jedem Thema eine kluge Meinung haben. Es ist nicht vermessen zu behaupten, das er in den letzten 20 Jahren der mit weitem Abstand meistgesehene deutsche Regisseur ist. Gibt natürlich niemand zu und belastbare Zahlen gibt es dazu auch nicht. Seine Filme waren niemals entwürdigend und zuweilen äußerst humorvoll, nebenbei bemerkt.
Da ich ja weiß, das noch niemand meiner Leser je einen Film von Ihm gesehen hat  (is klar!) sollte nun ja eigentlich eine Auswahl sehenswerter Filme folgen, damit man sich mit seinem Werk vertraut machen kann. 
Das unterlasse ich mal lieber, da die diversen Regierungen meiner männlichen Kundschaft mitunter mit harscher Zensur und empfindlichen Sanktionen im Schlafgemach reagieren könnten. In den seltensten Fällen sind  das ja basisdemokratische Staatsformen. 
Im Gegensatz zu Oswald Kolle, der es in jede Talkshow geschafft hat, war Schey "the real deal" und hat zur sexuellen Sozialisation von Millionen Bundesbürgern beigetragen. Zweifellos auch zum Scheitern mancher Ehe oder Beziehung. 

Sehr bedauerlich, das er von uns gegangen ist. Ungehört, unbesungen und natürlich ungesehen.    
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Sonntag, 10. April 2011

"Non inutilis vixi“ - Doch, hast Du!



Bildniss von Samuel Hahnemann

Schon lange wollte ich einen Artikel über eine der größten Irrlehren der letzten 200 Jahre schreiben. Hauptsächlich deswegen, weil ich, jedesmal wenn ich damit konfrontiert werde, einen leichten Brechreiz unterdrücken muss. Von falschen Propheten war hier ja schon an anderer Stelle die Rede, deswegen greife ich das Thema nocheinmal auf und berichte über die Lehre eines Meißener Herrn, der seit über 200 Jahren die Hirne von Millionen Menschen vernebelt. Auch von Teilen meiner Leser übrigens. 

Warum Hahnemann?

Was unterscheidet Hahnemanns Lehre eigentlich von Irisdiagnostik, Reinkarnationstherapie oder astrologischer Gesundheitsberatung, oder von Reiki, Pendeln, Geistheilung. Auf den ersten Blick nichts. Alles sind Irrlehren, deren Wirkprinzipien auf der Täuschung des Patienten beruhen verstärkt durch die Selbsttäuschung des Behandelnden. 
Und doch sind diese Irrlehren bezüglich ihrer gesellschaftlichen Wirkung zu unterscheiden. Einer Person, die behauptet mit einem Verstorbenen in Kontakt zu treten und dadurch Ratschläge für die Lebenden zu erteilen ist natürlicherweise weniger glaubwürdig als ein approbierter Arzt, der im weissen Kittel ein "homöopathisches" Arzneimittel anpreist. Letzterer ist entweder ein Ignorant oder ein Geldschneider. Wie anders wäre es zu erklären, das er ein Mittel empfiehlt, das in krassem Widerspruch zur seiner wissenschaftlichen Ausbildung steht. 

Widerlegung

Die Homöopathie ist unvereinbar mit der Naturwissenschaft! Diese Aussage ist hundert- und tausendfach bewiesen und aus naturwissenschaftlicher Sicht kein keinerlei Zweifel mehr daran bestehen, das dem so ist. Man kann nicht an naturwissenschaftliche Prinzipien glauben und gleichzeitig die homöopathischen Wirkmechnismen für richtig halten. Wer das tut, hat entweder die eine Lehre oder die andere nicht verstanden. Bis zum erbrechen wurde das diskutiert und erörtert, Studien über Studien, Papierberge über Papierberge, alle größtenteils ignoriert durch die Bevölkerung, weil mehr als zwei Zahlen auf einer DIN A4-Seite Kopfschmerzen verursachen. Deswegen werde ich mal eine Widerlegung versuchen, die völlig ohne Formeln auskommt und auf Zahlen weitgehend verzichtet. Ich werde stattdessen Beispiele nennen, die den Sachverhalt darlegen und nur die Ratio sprechen lassen. 
Ich behaupte nicht, das die Naturwissenschaft alles erforschen und erklären kann, wohl aber versetzt sie uns in die Lage darzulegen, das die Homöopathie nichts erklären kann.

Die größte Verwundbarkeit ist die Unwissenheit.  Sūnzǐ bīngfǎ

Grundlagen der Homöopathie

Wie geht man so etwas an? Man kann nicht alle Prinzipien der Homöopathie schriftlich darlegen, das sprengt jeden Post. Deswege halten ich mich an die Hauptthesen, wie sie heute noch gelten und gelehrt werden. Dadurch wird schnell deutlich, das wir es hier mit einem Phänomen zu tun haben, das sich jenseits der Logik und Naturwissenschaft befindet. 

1. similia similibus curentur

Die wichtigste Grundannahme der Homöopathie besteht im Ähnlichkeitsprinzip. Das bedeutet, das "Arzneien", die ähnliche Symptome hervorrufen wie die Grunderkrankung diese heilen oder lindern können. Die Auswahl dieser "Arzneien" ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung. Dazu wurden im Laufe der Jahrhunderte sogenannte Repertorien angelegt. Dies sind im wesentlichen grosse Tabellenwerke, die jeder Krankheit ein oder mehrere homöopathische Arzneimittel zuordnen, mit denen dann behandelt wird. 

Repertorium mit einigen Globuli
Die naturwissenschaftliche Medizin kennt übrigens auch solche Verfahren, man denke hier nur an Schutzimpfungen. Dazu wird häufig ein abgetöteter, ungefährlicher Krankheitserreger dazu verwendet, die Immunabwehr des Patienten zu stimulieren und ihn so für eine gewisse Zeit vor der Krankheit zu schützen. Mit dem Unterschied allerdings, das die zugrundeliegenden Mechanismen erklärbar sind. 

Die Homöopathie wendet dieses Prinzip allerdings für alle Krankheiten an. Hahnemann kannte zu seiner Zeit noch sehr wenige, aber seit dieser Zeit wurden die Repertorien immer weiter verfeinert und vervollständigt und für neue Krankheitsbilder angewendet. 
Wie widersinnig dieses Verfahren ist wird schnell deutlich, wenn man mal etwas anderes behandelt als Schnupfen oder Allergien. Denn dieses Prinzip gilt nach Hahnemanns Lehre ja für alle Krankheiten. Behandeln wir also mal die verstrahlten Arbeiter von Fukushima homöopathisch. Ursache der Strahlenbelastung sind hochwahrscheinlich radioakltive Isotope aus dem Reaktorkern und dessen Zerfallsreihen. Wir behandeln also radioaktives Jod-131 mit was? Genau, mit radioaktivem Jod-131 oder einem anderem Isotop. Hier übrigens käuflich erhältlich. Und was jetzt? Lieber homöopathisch behandeln, oder doch eher mit einer banalen konventionellen Jodtablette. Fragt euch selbst, was euch sinnvoller erscheint. Hahnemanns Prinzip gilt auch hier, es gilt für ALLE Krankheiten. 

Homöopathie wird von breiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert, wenn es um alltägliche Krankheiten geht. Aber wenn es ernster wird, kehrt man doch lieber zu Mama zurück. Warum akzeptiert man ein alternatives Prinzip für eine Alltagserscheinung, für eine gefährliche Krankheit jedoch nicht? Das Vertrauen ist wohl nicht groß genug (gottseidank). Warum das Ähnlichkeitsprinzip eigentlich wirken soll, dafür bleiben die Homöopathen auch eine Erklärung schuldig, die überprüfbar wäre. 

Nun, die Homöopathen haben schnell erkannt, das sie ihre Patienten ziemlich sicher mit so einer Behandlung umbringen. Das trägt nicht gerade zur Akzeptanz in der Bevölkerung bei. Also, was tun. Damit kommen wir zum zweiten Prinzip der Homöopathie.

2. Potenzierung

Schema einer C-Potenzierung
Ursprünglich eingeführt, um mit giftigen Substanzen behandeln zu können wurden die "Arzneimittel" mit Wasser oder Alkohol verdünnt. Heute in Deutschland gebräuchlich sind D und C-Potenzierungen. Sie unterscheiden sich im Verfahren nicht wesentlich. D1 bedeutet 1:10 verdünnt, D2 1:100, D3 1:1000 usw.; C1 bedeutet 1:100 verdünnt, C2 1:10000, C3 1:1000000 usw. Die "Herstellung" gleicht eher einem Ritual als einem industriellen Prozess. Man schüttelt die Verdünnung nach einem festgelegten Prinzip (der Erdmittelpunkt spielt hierbei eine Rolle) zum Beispiel 10mal, bevor man weiter verdünnt. Das macht natürlich heutzutage niemand mehr per Hand, Maschinen übernehmen das für die großtechnische Herstellung großer Stückzahlen. Wer zum Beispiel ein homöopathisches "Medikament" mit der Verdünnung C30 im Hause hat, und ich weiß das zumindest einer meiner Leser ein solches regelmässig anwendet, der verabreicht dem Patienten schlicht nichts mehr. Die Wahrscheinlichkeit, das sich dort ein einziges Molekül der Wirksubstanz befindet ist mathematisch geringer, als im Lotto zu gewinnen. Fünfmal hintereinander! 
Die Homöopathen behaupten, jede Verdünnungsstufe erhöht die Wirksamkeit der "Arznei". Die Wirksamkeit der Substanz soll auf das Verdünnungsmittel übertragen werden. Warum das so sein soll, wissen nur die Homöopathen selbst. Gerne wird dazu einmal die Quantenphysik bemüht. Also etwas wovon die Homöopathen wissen, das die Patienten in der Regel keine Ahnung davon haben. Sie bleiben schlicht eine Erklärung schuldig. Sie erklären NICHTS!

Wer nichts weiß, muss alles glauben!   Marie von Ebner-Eschenbach

Wem wollt Ihr glauben?


Bilder in Blogposts erhöhen die Lesbarkeit.
 Dem gebildeten Leser sind diese Fakten lange bekannt, ich erzähle also nichts neues. Es erstaunt mich nur immer wieder, wie man unvereinbare Behandlungsmethoden mischen kann. Für Allergien Homöopathie, für Vorsorgeuntersuchungen Schulmedizin. Was man immer wieder hört, unabhängig vom Bildungsgrad der befragten Person: Mir hat es hierbei oder da und dort geholfen. Es gilt ja: Wer heilt, hat Recht! Oder? An Homöopathie glauben heisst, das Prinzip von Ursache und Wirkung zu negieren. Wenn ich heute nicht richtig aufesse und morgen regnet es, dann würde ich niemals einen Zusammenhang vermuten. Wenn ich heute ein homöopathischen Arzneimittel (wo nachweislich (oder vielmehr unnachweisbar) nichts drin ist) nehme und morgen sind die Magenschmerzen weg, dann hat das natürlich einen Zusammenhang, obwohl es niemand schlüssig erklären kann.
Meiner Meinung nach ist die Homöopathie nur ein weiteres Beispiel dafür, das naturwissenschaftliche Prinzipien von breiten Teilen der Bevölkerung schlicht nicht verstanden werden, entweder aus Ignoranz oder weil die interlektuelle Kapazität fehlt. Ich will hier nicht in Kulturpessimismus verfallen, aber es macht mich schon sehr traurig, wie wahnsinnig weit verbreitet dieser Schwachsinn ist. Mit naturwissenschaftlichen Methoden kommt man aus Sicht der Homöopathie auf jeden Fall nicht weiter. Die Wirkung ist weder zu belegen, noch zu falsifizieren. Man kann sie nur aus sich selbst erklären. Das man dabei die gesamte Physik, Biologie und Chemie für ungültig erklärt nimmt man in Kauf. Versteht ja eh keiner.  Aus Sicht der Naturwissenschaft kann man allerdings zweifelsfrei belegen, das sie nicht wirkt und nichts erklärt.

Fazit - Heilung aus Hundekot


Ich weiß das dieser Artikel nichts bahnbrechend neues berichtet, aber es war mir wichtig meine Meinung dazu einmal grundsätzlich darzulegen und schriftlich festzuhalten. Ich lehne reißerische Auseinandersetzungen mit diesem Thema wie hier ab, deswegen lieber als Blogpost. Wer es bunter mag, kann sich hier darüber informieren, aus was homöopathische Grundsubtanzen alles bestehen. Unter Umständen braucht man allerdings einen starken Magen dafür.
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Freitag, 1. April 2011

deprimere (lat.) - niederdrücken


In den letzten Wochen habe ich einige Artikel über Wissenschaft und Politik geschrieben, die auch kräftig gelesen worden sind (fast 1000 Seitenaufrufe im letzten Monat, danke fürs lesen). Leider habe ich in meinem Schreibwahn ein wenig aus den Augen verloren, warum ich dieses Blog eigentlich ursprünglich erstellt habe. Dies möchte ich heute korrigieren und etwas persönliches schreiben.
In verschiedenen Artikeln habe ich mich schon mit meiner Krankheit auseinandergesetzt, so zum Beispiel hier und hier. Ich will diesmal einen anderen Ansatz wählen. Statt mich wissenschaftlich zu kategorisieren, zu diagnostizieren, Therapieansätze zu benennen und rein fachliche Aufklärung zu betreiben will ich einmal ganz subjektiv schildern, was diese Krankheit eigentlich bei mir anrichtet.
Das ist eine sehr persönliche Schilderung und natürlich nicht zu verallgemeinern. Irgendwie treffen die wissenschaftlichen Kriterien schon alle mehr oder weniger auf mich zu, so daß an der Diagnose auch keinerlei Zweifel mehr bestehen kann, aber eine rein subjektive Schilderung fehlt hier noch. Das hole ich jetzt mal nach.

Drei Krankheitstypen

Grundsätzlich gibt es meiner Meinung nach drei Arten von Krankheiten. Solche, die hauptsächlich die eigene Person betreffen, solche die hauptsächlich das Umfeld betreffen und solche die sowohl die eigene Person, als auch das Umfeld betreffen. 
"Skrik" von Edvard Munch, 1893
Ein Beispiel für den ersten Fall wären Sportunfälle, aber auch durchaus viele gefährliche und tödliche Krankheiten, die als Kriterium gemein haben, das sie ausschließlich die eigene Person betreffen. Jaja, ich weiss, die Argumentation hinkt hinten und vorne. Selbstverständlich betrifft ein tödlicher Verkehrsunfall zum Beispiel das Umfeld sehr stark und  hat Einfluß auf das Leben anderer Menschen, aber das ist nicht was ich meine. Die Krankheit selbst hat nicht diese Qualität. Krebs ist beispielsweise nicht ansteckend.
Im zweiten Fall haben wir zum Beispiel Alzheimers Demenz. Auch hier ist die Einordnung nicht perfekt, aber für einen Demenzkranken muss die Lebenqualität nicht notwendigerweise so mies sein, wie für einen Krebskranken. Mit grosser Sicherheit ist der Leidensdruck für das persönliche Umfeld jedoch massiv. Wenn Kinder und Ehepartner nicht mehr erkannt werden und sich die ganze Persönlichkeit völlig anders darstellt, ist das eine erhebliche Belastung für die Angehörigen. Da nehmen dann die Besuche der kranken Oma im Altersheim auch erheblich ab. Warum das so ist, darüber mag ich nicht richten, aber ein wesentlicher Punkt ist sicher, das man kein positives Feedback mehr bekommt, wenn man nicht mal erkannt wird.
Der dritte Krankheitstyp betrifft, je nachem wie man es definiert, alle Krankheiten. Jeder der mit einem Kranken zu tun hat, ist davon irgendwie betroffen. Ich meine aber im speziellen Krankheiten, denen inhärent eine Belastung der Umfeldes innewohnt. Dazu gehören alle Suchtkrankheiten und solche, die den Geist betreffen. Die Familie eines Alkoholikers ist zum Beispiel massiv  von der Krankheit betroffen. So stark, das es ein eigenes psychatrisches Konzept gibt, das selbst behandlungwürdig sein kann, die sogenannte Co-Abhängigkeit. Zu diesen Krankheiten gehört auch die Depression.
Das ist auch der Grund dafür, warum ich dieses Blog angefangen habe. Ich kann mein Umfeld informieren, ohne direkt mit ihm zu sprechen. Nicht ist mir persönlich wichtiger, als meinen Freunden nicht auf den Geist zu gehen, denn ich bin abhängig von Ihnen.

Kontrollverlust

Botschafter Sarek, Vater von Spock
Bei mir manifestiert sich die Krankheit als ein schleichender Kontrollverlust. Je näher mir die Menschen stehen (Eltern, Exfreundinnen) desto schwerer fällt es mir, mich mit ihnen auszutauschen. Ich habe Angst vor einem negativen Feedback. Diese Angst kann so stark sein, das ich mich monatelang nicht melde. Im Extremfall, so zum Beispiel mit einer Exfreundin, habe ich gar keinen Kontakt mehr. Hauptsächlich, weil sie mir sagte, das sie mein Blog niemals lesen würde und im übrigen solle ich sie mit meinem Psychoscheiss in Ruhe lassen. Nach diesem Spruch ist es für mich völlig undenkbar, das ich mich noch einmal bei ihr melde. Gesunde Menschen würden das einfach wegstecken. Sie wären vielleicht ein wenig niedergeschlagen, aber nach kurzer Zeit würde sich das durch andere Erlebnisse relativieren. Ich stecke das nicht weg, ich nehme das ernst , ich stelle mich selbst dadurch in Frage. Mit einem Wort: Es macht mich fertig!
Ich habe keinerlei psychologische Schutzhülle. Das darf nicht mit Sensibilität verwechselt werden. Sensibilität ist meiner Meinung nach so etwas wie psychologische Aufmerksamkeit. In einer ersten Annäherung könnte man mich als hypersensibel bezeichnen.

Für die Durchgeknallten: Ich leide am Bendii-Syndrom, wie der würdige Herr auf dem Photo hier.

Ich bin aber nicht plötzlich emotional intelligenter oder aufmerksamer als vorher. Ich bin kaum noch in der Lage Sozialcode zu dechiffrieren. Ich fühle mich nicht mehr sicher im Umgang mit Menschen. Um einen Menschen zu besuchen, der mir emotional nahe steht muss ich im wahrsten Sinne des Wortes 3 Wochen Anlauf nehmen. Und es geht immer schief, denn danach bin grundsätzlich niedergedrückt. Mit solchen Menschen umzugehen ist absolute Schwerstarbeit für mich, mit einer Ausnahme: Kinder.
Mit Kindern umzugehen ist wie Ferien von der Krankheit haben. Kinder sind immer direkt, keine Ironie, kein e komplizierten unterschwelligen Botschaften, keine geheime Agenda und sie sind lausige Lügner. Natürlich kommt nach dem Besuch auch ein Backlash, aber nicht wegen des Umgangs mit Ihnen, sondern wegen der Abwesenheit der Leichtigkeit des sozialen Umgangs.
Drei oder vier geliebte Menschen gleichzeitig zu besuchen ist fast undenkbar. Man stelle sich ein rohes Ei vor,  nur ohne Schale, was man durch ein Minenfeld balancieren muss. Gleichzeitig darf niemand merken, das man ein rohes Ei transportiert, weil eine Sonderbehandlung sofort die Depression verstärkt. Es ist eine No-Win-Situation.

Wenn man dann wieder alleine ist wird es, unsichtbar für alle anderen, fürchterlich. Man kann sein Bett quasi nicht mehr verlassen und nur noch Dinge tun, die absolut notwenig sind für das physische Überleben, also Essen, Trinken, Schlafen.
In dieser Phase hilft fast nichts. Man kann aber durchaus akute Phasen lindern. Kleine, definierte, sichere Belohnungen. Klassischer Behavorismus nach Skinner für den Hausgebrauch sozusagen. Jeder tut das, auch wenn man das als solches meistens nicht erkennt, weil man weder Psychologie noch ein verwandtes Fach studiert hat. Zum Beispiel das kühle Bier nach getaner Arbeit, der Entspannungstee oder ein wenig Schokolade. Oder, die harte Droge für Depressive, MMORPGs. Kleine Belohnungen für kleine Dinge, Skinner pur, eher schon Pawlow. Hunderte, tausende davon. Mit allen Nebenwirkungen wie Suchtverhalten und die ganzen sekundären Symptome, wie schlechte Ernährung und wenig Bewegung.

Das war sozusagen der erste Kreis der Hölle. Wenn es dabei bliebe, wäre das noch zu verschmerzen. Ist man halt ein wenig komisch und lebt wie ein Einsiedler. Stabile Beziehungen ausgeschlossen, Freundschaften anstrengend. Seit ungefähr 2004-2005 lebe ich damit.

Der zweite Kreis der Hölle

Seit ca. 1,5 bis 2 Jahren kommt der zweite Kreis der Hölle dazu. Das Unvermögen einer geregelten Beschäftigung nachzugehen. Arbeit, Studium? Ausgeschlossen! Warum? Nun, die Unsicherheit im Umgang mit Menschen nimmt zwar mit der emotionalen Beteiligung graduell ab, aber es gibt ja noch andere Menschen die wichtig sind und einen beurteilen. Lehrer zum Beispiel, oder in meinem Fall, Universitätsprofessoren.
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Um ein Beispiel zu geben: Ich hatte eine Prüfung in Allgemeiner Chemie am Anfang meines Studiums in Bremen. Zulassungsvorraussetzung war eine kummulierte 60%ige Richtigkeit aller Hausaufgaben über das gesamte Semester. Ich hatte am Ende 98,5% aller möglichen Punkte erreicht. Es gab schlicht niemanden im Kurs mit einer höheren Punktzahl. Trotzdem war ich nicht in der Lage an der Prüfung teilzunehmen. Die fehlenden 1,5% waren so demotivierend, das an eine Prüfungssituation nicht zu denken war. Anderes Beispiel, 2 Jahre später. Diesmal eine tatsächliche Prüfung im Fach Meereschemie. Null geübt, niemals in der Vorlesung gewesen, trotzdem so mit ach und krach bestanden. Absolute Horrovorstellung als Magna cum Laude-Promovent mit etwas anderem abzuschliessen als einer Eins. Aber niemand kann eine Universitätsprüfung gut bestehen ohne irgendetwas dafür zu tun. Folge: Ich ging gar nicht mehr zu Prüfungen. Das ist auch keine singuläre Prüfungsangst oder eine verschärfte Form der Prokrastination. Das ist ein Symptom der Grunderkrankung. Unter diesen Umständen in eine Prüfung zu gehen, die eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema erfordert nur um sie zu bestehen, wie etwa Physikalische Chemie und Thermodynamik? Undenkbar!
Glücklicherweise erfordert das Lehramtsstudium, soweit es sich um nicht fachgebundene Qualifikationen handelt, kein Gehirn. Dafür reicht das Rückenmark. Es gipfelte in einem Seminar, das eine wissenschaftliche Publikation besprach in der als Ergebniss festgestellt wurde, das Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit und Ungerechtigkeit des Lehrers zu Vertrauensverlust beim Schüler führt.
Das intellektuell fordernde kann ich nicht machen, weil die Versagensängste zu groß sind und den Rest kann ich nicht machen, weil ich es in jeder Leihbücherei durch Lektüre von 1-2 Büchern selber erlernen könnte. Das killt den Rest jeder Motivation.

Der dritte Kreis der Hölle

Ohne (besser reduzierte) komplexe  soziale Beziehungen und ohne Beschäftigung kann man immer noch leben. Nicht besonders gut, aber es geht. Die nächste Kontrolle, die man verliert ist die des Alltags. Mit reduziertem Sozialleben und ohne sinnvolle Beschäftigung ist es nämlich egal, ob man das Loch noch stopft, was in der Socke klafft, oder die Wohnung aufräumt, abwäscht. Man verludert und verschlampt sozusagen. Rasieren? Wieso? Das ist dann der Zeitpunkt, wo man sich nicht mehr vor sich selber verstecken kann, denn man kommt auf dem Weg zum Klo ja am Spiegel vorbei. Ziemliche erschreckende Anblicke, die man dann ertragen muss. Das war dann ungefähr der Zeitpunkt, wo ich mal zum Arzt gegangen bin.

Womit ich nun am Ende meiner kleinen Selbstbetrachtung angekommen wäre und zur Auflösung eines kleinen Rätsels. Nämlich der Frage warum mein Blog eigentlich "De Profundis" heisst. Es ist der Beginn des Psalms 130, des Bußpsalms aller Tiefseetaucher und Depressiven.

De profundis clamavi ad te, Domine;
Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuæ intendentes
in vocem deprecationis meæ.
Si iniquitates observaveris, Domine, Domine, quis sustinebit?
Quia apud te propitiatio est; et propter legem tuam sustinui te, Domine.
Sustinuit anima mea in verbo ejus:
Speravit anima mea in Domino.
A custodia matutina usque ad noctem, speret Israël in Domino.
Quia apud Dominum misericordia, et copiosa apud eum redemptio.
Et ipse redimet Israël ex omnibus iniquitatibus ejus. 

Weil die Bußpsalmen ein Bekenntniss der Schuld in sich tragen, ist es thematisch mehr als passend, auch wenn ich ungefähr so religiös bin wie Josef Stalin. Für die Schöngeister vergleiche auch die berühmte Kantate von Johann Sebastian Bach (BWV 131). In diesem Sinne:

Aus der Tiefe, oh Herr, rufe ich zu Dir.
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