Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!
Eigentlich wollte ich jetzt über
die Therapie schreiben und was ich hier den ganzen Tag mache, aber ich finde
ich sollte erst ein paar Worte über Patienten dieses Krankenhauses verlieren. Es
sind ungefähr 400 give or take. Den besten Überblick bekommt man, wenn man im
Speisesaal die Leute beobachtet. Man kann dort heiteres Gestörtenraten spielen.
Am meisten ins Auge fallen
natürlich die Adipösen. Damit meine ich allerdings Leute, gegen die ich
gertenschlank bin. Sie sind meistens an der Salattheke zu finden (wegen gesund
und so). Das ist aber nur Show. Von der Menge wird kein Mensch satt, die haben
sicher andere Kanäle um sich vollzustopfen.
Als zweites, und da muss man schon genauer
hinschauen, fallen einem die Anas und die Mias auf. Die sitzen immer an einem
eigenen Tisch und kaschieren ihren Körper durch zwei Pullover und drei
Strumpfhosen. Ausserdem tanzen sie ne halbe Stunde um ein Radieschen rum, was
sie umständlich zerteilen und mit einem Salatblatt garnieren. Sie trinken meist
nichts! Warum? Weil sie morgends schon 2 Liter vor dem Wiegen getrunken haben. Da
hat man dann keinen Durst mehr. Manchmal,
wenn ich schlecht drauf bin, tische ich mir ordentlich auf, setze mich direkt
an den Nebentisch und haue zünftig rein.
Achja: Anas, Mias, Bordis, Depris. Euphemismen,
Diminuitive und kryptische Abkürzungen jeglicher Art sind an der Tagesordnung. Hauptsache
man ist weit weg von der klinischen Terminologie und der kalten Realität.
Verdrängung ist ein großes Ding hier.
Die nächste große Gruppe sind die
Bordis. Immer lange Ärmel, ist ja klar. Will man aber auch garnicht sehen,
diese Unterarme. Davon haben wir einen ganzen Sack voll auf der Station. Dort
sind sie dann unter sich und da ists dann auch egal. Sind eh meist Verbände
drauf.
Dann gibt es noch die kleine,
aber feine Gruppe der Zwangsgestörten. Der Eingang vor unserer Klinik ist
gepflastert. So viele Linien. „Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe…“ Ihr
wisst schon. Fugenränder von Fliesen: Unüberwindbar. Ich bin mal frühstücken
gegangen und kam 30 Minuten später aus dem Speisesaal wieder raus. Geländefortschritt:
5 Meter. Leben am Ereignisshorizont eines schwarzen Lochs. Der Blick total
abwesend. Vermutlich sind alle anderen in Ihrer Welt Kolibris.
Die Depressiven sind die Ninjas
unter den Gestörten. Die haben Ihr Umfeld und vor allem sich selbst solange
belogen, das es Ihre zweite Natur geworden ist. Anas und Mias haben auch camouflageartige
Eigenschaften wenn es ums essen geht, aber irgendwann sieht man es einfach. Ein
Depressiver kann jahrelang unerkannt unter euch wandeln, bucht dann eine
Bootspartie in Charons Kahn und Ihr fragt euch: Why?
Macht euch echt keine Vorwürfe,
dass könnt Ihr nicht sehen. Der Leitende Psychologe hat mich zum Beispiel krass
falsch diagnostiziert. Deswegen bin ich jetzt hier auf der Station der einzige
Depressive in einem Meer von Borderlinern, die mich mit Ihren Igelbällen
bewerfen. Sie mögen mich aber sehr, weil
meine präfinale Lethargie Ihre parasuizidale Hochspannung blockiert.
F60.31 Emotional instabile
Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ und F33.3 Rezidivierende
depressive Störung sind Brüder im kranken Geiste sozusagen. Wo sie weiß sind,
bin ich schwarz, ihre Verhaltensmuster sind dichotom, meine sind der ewig monotone
Kreis der Hölle. Diese Dichotomie der Gedanken ist allerdings mitunter
anstrengend für mich. Morgends bin ich das arrogante Arschloch mittags der
anbetungswürdige Guru und abends fliegen wieder die Igelbälle. Mitunter durchmessen
sie das gesamte Spektrum innerhalb von 30 Minuten.
Dabei haben wir durchaus auch
gleichartige Symptome. In der tiefsten Lethargie, in der mondlosen Nacht eines
Depressiven trennt sich der Geist buchstäblich vom Körper. Was sich sehr
esoterisch anhört nennt man eine psychologische Dissoziation, oder, in
medizinischen Begrifflichkeiten, einen depressiven Stupor. Dabei ist man völlig
klar, man kann sich nur nicht bewegen. Es ist das ultimative Stoppsignal des
Gehirns. Der Motor koppelt aus, der persönliche Schwarzschild-Radius ist
erreicht, die Welt friert ein, Schmetterlinge im Inneren des Welteneis. Ist
nicht einmal unangenehm übrigens.
| Tricky Dick, kennt tiefe Täler und hohe Gipfel |
Der Spannungszustand eines Borderliners
auf der anderen Seite kann so hoch sein, das er es nicht mehr bis zu seinen
Rasierklingen schafft. Dann lehnt er sich an die nächste Wand, rutscht daran herunter und sein Geist dissoziiert. Man darf dann auf keinen
Fall eingreifen. Es ist ein Zustand höchster Sensibilität. Manchmal muss man
hier auf dem Gang buchstäblich über dissoziierte Borderliner steigen.
Ich kann mir vorstellen, das sich
das jetzt hier für euch total gruselig anhört und irgendwelche Horrorbilder
imaginiert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Dieser Ort ist ein Amnion der
Fürsorglichkeit, das Zentrum des Welteneis. Hier muss ich keine Maske tragen,
ich kann meinen Panzer ablegen. Alle Patienten hier, egal welcher
Klassifikation, haben eines gemein. Sie
sind deutlich sensibler als ihr. Ihr kommt uns vor wie emotionale Volltrottel,
ihr seid grob, nehmt keine Rücksicht und vor allen Dingen versteht ihr nichts.
Man muss im tiefsten Tal
gewandelt sein, um zu wissen wie es ist auf dem höchsten Gipfel zu stehen.
Im übrigen ist es nach wie vor
sinnlos mich anzuschreiben. Ich habe einen Brief bekommen, ist direkt
ungeöffnet zum Therapeuten gewandert, wird irgendwann in 2-5 Wochen mal
gemeinsam gelesen. Alles was hier physisch ankommt wandert direkt ins Büro
meines Therapeuten. Bitte lassen, er hat noch andere Patienten und seine kleine
Bruchbude hat nur ein begrenztes Fassungsvermögen. Der E-Mail-account hat
neuerdings ein Passwort, das ich nicht
kenne und die Durchwahl auf mein Zimmer ist zwar telekommunikationstechnisch
möglich, wird aber natürlich von Drachen bewacht. Die kleinste emotionale Erschütterung
hat im jetzigen Stadium unabsehbare Folgen. Vorgestern hat eine verschwundene
Popcorntüte für 99 Cent dazu geführt das ich 36 Stunden nicht schlafen konnte und
24 Stunden nichts gegessen habe. Ich habe keine Lust zu den 2% Patienten zu
gehören, die von hier in die geschlossene verlegt werden müssen. Von dort aus
gibt es einen direkten Zugang zu den unterirdischen Menschenfabriken hab ich gehört!
















