Mittwoch, 16. März 2011

Kachelmann und ich


Jörg Kachelmann (mutmaßlich)
Jörg Andreas Kachelmann (ja das ist der) ist ein recht fleissiger Twitterer und beobachtet die Situation rund um den Kernreaktor in Fukushima sehr aufmerksam. Dabei schickt er regelmässig Tweets über die aktuelle Wetterlage am Standort, immer im Zusammenhang mit den dort gemessenen Werten für die Energiedosis. 

Hauptquelle dafür ist das japanische Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT). Dieses Ministerium betreut das nationale Messnetz für Strahlenbelastung und übernimmt somit die Aufgabe unseres Bundesamtes für Strahlenschutz, was ein ähnliches Messnetz betreibt (hier).

Das japanische Messnetz hört auf den schönen Namen  System for Prediction of Environment Emergency Dose Information (SPEEDI) und ist ein steter Quell der verlässlichen Information, wenn man einmal davon absieht, das die besonders betroffenen Präfekturen Fukushima mit 23 Messstationen und die benachbarte Präfektur Miyagi mit 7 Messtationen aus dem System ausgekoppelt wurden und keine Informationen liefern. 

Herr Kachelmann vermutet Zensur, ich auch. Obwohl ich der Meinung bin das Regierungen ihren Bevölkerungen nicht alles sagen müssen was sie wissen, jedoch wenn sie etwas sagen, es der Wahrheit entsprechen muss. 

Nun versteht Herr Kachelmann unbenommen etwas von Meterologie und seine Begeisterung für dieses Thema wird aus seinen Tweets auch überdeutlich. Der Vollständigkeit halber, ohne darauf rumreiten zu wollen, einen Universitätsabschluss hat er in diesem Fach nicht. Er ist also ein überaus erfolgreicher Hobbymeteorologe (in Ermangelung einer anderen Bezeichnung).

Seit einiger Zeit nun verfolge ich seine Tweets, die bezüglich der meteorologischen Aussagen auch wirklich informativ sind. 
Darstellung der maximalen Energiedosis japanischer Präfekturen
Leider hält er sich offensichtlich auch für einen Experten auf dem Gebiet des Strahlenschutzes. So stellt er regelmässig Mutmaßungen über die Gefährdung der Bevölkerung an und bezieht sich dabei häufig auf die Messwerte von SPEEDI der Präfektur Ibaraki, die in den vergangenen Tagen häufig erhöhte Werte aufwies. 

Diese werden als Energiedosis pro Stunde angegeben. In diesem Fall als Nano-Grey pro Stunde. Dies ist nicht zu verwechseln mit der Organdosis die in Sievert angegeben wird. Beide Maßeinheiten messen die Energie, die an einen Körper abgegeben wird bezogen auf die Masse desselben.
Das Sievert ist jedoch für biologische Zusammenhänge interessanter, weil es die verschiedenen Energiedosen mit einem Gewichtungsfaktor multipliziert, der noch verschiedene Strahlungsarten berücksichtigt. Der Wert der Organdosis pro Zeiteinheit ist also meistens höher als Wert der Energiedosis pro Zeiteinheit. Das nur als kurze Information, wenn in den Medien mit Sievert (meistens Millisievert) hantiert wird.

Dieser Zusammenhang ist Herrn Kachelmann vermutlich unbekannt, viel interessanter ist allerdings die Tatsache, das er das Strahlungsrisiko völlig falsch einschätzt. Eine Energiedosis von 2000-5000 nanoGrey/Stunde bezogen auf den Normalwert von 50-100 nanoGrey/Stunde, wie sie in den letzten Tagen in der Präfektur Ibaraki gemessen wurde ist für ihn und die breite Öffentlichkeit eine alarmierende Erhöhung der Radioaktivität um das 50 bis 100fache.

Leider wird das niemals ins rechte Licht gerückt. Ich habe also mal ein wenig rumgerechnet. All die Touristen und Ausländer, die jetzt aus Japan flüchten nehmen nämlich während ihres Fluges eine Energiedosis von ca. 25000 nanoGrey/Stunde auf. Von Piloten und Flugbegleitern möchte ich in diesem Zusammenhang gar nicht reden. Sie sind dieser Strahlenbelastung während ihres Arbeitsalltags permanent ausgesetzt.
Was wenige hier wissen, habe ich in fernster Vergangenheit als Wissenschaftler die Sachkunde im Umgang mit radioaktiven Stoffen erworben und bin zum Beispiel berechtigt ein Isotopenlabor zu leiten. Also habe ich mich entschlossen, promoviert wie ich bin, meinem inneren Trieb folgend und aus schierer Fürsorge für die 4300 Follower von Herrn Kachelmann, ihm mit einem Tweet Aufklärung und Bildung zu schenken.
Und siehe da, der schweizer Bürger Kachelmann ist sich nicht zu schade mir zu antworten. 

@ Das ist eine hochinteressante Vergleichsrechnung, wird aber die Menschen auf/mit kontaminierten Böden/Pflanzen weniger...
...interessieren, was Ihnen so in der business class für kurze Zeit und nicht so oft und strahlungsfreiem Catering als Erwachsener passiert.
Und es geht auch nicht darum, dass die 50fach erhöhten Werte in Hitachinaka dort jemanden tot umfallen lassen. Es geht darum, dass man...
...bei soviel Wind befürchten muss, dass die Menschen 100 km näher zum AKW sehr andere Werte haben, die auch den Flugreisenden beunruhigen.

4 Antwort-Tweets, manman. Ja, ich möchte soweit gehen ihn jetzt meinen Freund zu nennen. Wenn ich das nächste Mal in der Business-Class das strahlungsfreie Catering genieße (vielleicht schon bald auf einem Flug zu einer Justizvollzugsanstalt in der Nähe Mannheims), werde ich ihm vielleicht wieder twittern.