Freitag, 1. April 2011

deprimere (lat.) - niederdrücken


In den letzten Wochen habe ich einige Artikel über Wissenschaft und Politik geschrieben, die auch kräftig gelesen worden sind (fast 1000 Seitenaufrufe im letzten Monat, danke fürs lesen). Leider habe ich in meinem Schreibwahn ein wenig aus den Augen verloren, warum ich dieses Blog eigentlich ursprünglich erstellt habe. Dies möchte ich heute korrigieren und etwas persönliches schreiben.
In verschiedenen Artikeln habe ich mich schon mit meiner Krankheit auseinandergesetzt, so zum Beispiel hier und hier. Ich will diesmal einen anderen Ansatz wählen. Statt mich wissenschaftlich zu kategorisieren, zu diagnostizieren, Therapieansätze zu benennen und rein fachliche Aufklärung zu betreiben will ich einmal ganz subjektiv schildern, was diese Krankheit eigentlich bei mir anrichtet.
Das ist eine sehr persönliche Schilderung und natürlich nicht zu verallgemeinern. Irgendwie treffen die wissenschaftlichen Kriterien schon alle mehr oder weniger auf mich zu, so daß an der Diagnose auch keinerlei Zweifel mehr bestehen kann, aber eine rein subjektive Schilderung fehlt hier noch. Das hole ich jetzt mal nach.

Drei Krankheitstypen

Grundsätzlich gibt es meiner Meinung nach drei Arten von Krankheiten. Solche, die hauptsächlich die eigene Person betreffen, solche die hauptsächlich das Umfeld betreffen und solche die sowohl die eigene Person, als auch das Umfeld betreffen. 
"Skrik" von Edvard Munch, 1893
Ein Beispiel für den ersten Fall wären Sportunfälle, aber auch durchaus viele gefährliche und tödliche Krankheiten, die als Kriterium gemein haben, das sie ausschließlich die eigene Person betreffen. Jaja, ich weiss, die Argumentation hinkt hinten und vorne. Selbstverständlich betrifft ein tödlicher Verkehrsunfall zum Beispiel das Umfeld sehr stark und  hat Einfluß auf das Leben anderer Menschen, aber das ist nicht was ich meine. Die Krankheit selbst hat nicht diese Qualität. Krebs ist beispielsweise nicht ansteckend.
Im zweiten Fall haben wir zum Beispiel Alzheimers Demenz. Auch hier ist die Einordnung nicht perfekt, aber für einen Demenzkranken muss die Lebenqualität nicht notwendigerweise so mies sein, wie für einen Krebskranken. Mit grosser Sicherheit ist der Leidensdruck für das persönliche Umfeld jedoch massiv. Wenn Kinder und Ehepartner nicht mehr erkannt werden und sich die ganze Persönlichkeit völlig anders darstellt, ist das eine erhebliche Belastung für die Angehörigen. Da nehmen dann die Besuche der kranken Oma im Altersheim auch erheblich ab. Warum das so ist, darüber mag ich nicht richten, aber ein wesentlicher Punkt ist sicher, das man kein positives Feedback mehr bekommt, wenn man nicht mal erkannt wird.
Der dritte Krankheitstyp betrifft, je nachem wie man es definiert, alle Krankheiten. Jeder der mit einem Kranken zu tun hat, ist davon irgendwie betroffen. Ich meine aber im speziellen Krankheiten, denen inhärent eine Belastung der Umfeldes innewohnt. Dazu gehören alle Suchtkrankheiten und solche, die den Geist betreffen. Die Familie eines Alkoholikers ist zum Beispiel massiv  von der Krankheit betroffen. So stark, das es ein eigenes psychatrisches Konzept gibt, das selbst behandlungwürdig sein kann, die sogenannte Co-Abhängigkeit. Zu diesen Krankheiten gehört auch die Depression.
Das ist auch der Grund dafür, warum ich dieses Blog angefangen habe. Ich kann mein Umfeld informieren, ohne direkt mit ihm zu sprechen. Nicht ist mir persönlich wichtiger, als meinen Freunden nicht auf den Geist zu gehen, denn ich bin abhängig von Ihnen.

Kontrollverlust

Botschafter Sarek, Vater von Spock
Bei mir manifestiert sich die Krankheit als ein schleichender Kontrollverlust. Je näher mir die Menschen stehen (Eltern, Exfreundinnen) desto schwerer fällt es mir, mich mit ihnen auszutauschen. Ich habe Angst vor einem negativen Feedback. Diese Angst kann so stark sein, das ich mich monatelang nicht melde. Im Extremfall, so zum Beispiel mit einer Exfreundin, habe ich gar keinen Kontakt mehr. Hauptsächlich, weil sie mir sagte, das sie mein Blog niemals lesen würde und im übrigen solle ich sie mit meinem Psychoscheiss in Ruhe lassen. Nach diesem Spruch ist es für mich völlig undenkbar, das ich mich noch einmal bei ihr melde. Gesunde Menschen würden das einfach wegstecken. Sie wären vielleicht ein wenig niedergeschlagen, aber nach kurzer Zeit würde sich das durch andere Erlebnisse relativieren. Ich stecke das nicht weg, ich nehme das ernst , ich stelle mich selbst dadurch in Frage. Mit einem Wort: Es macht mich fertig!
Ich habe keinerlei psychologische Schutzhülle. Das darf nicht mit Sensibilität verwechselt werden. Sensibilität ist meiner Meinung nach so etwas wie psychologische Aufmerksamkeit. In einer ersten Annäherung könnte man mich als hypersensibel bezeichnen.

Für die Durchgeknallten: Ich leide am Bendii-Syndrom, wie der würdige Herr auf dem Photo hier.

Ich bin aber nicht plötzlich emotional intelligenter oder aufmerksamer als vorher. Ich bin kaum noch in der Lage Sozialcode zu dechiffrieren. Ich fühle mich nicht mehr sicher im Umgang mit Menschen. Um einen Menschen zu besuchen, der mir emotional nahe steht muss ich im wahrsten Sinne des Wortes 3 Wochen Anlauf nehmen. Und es geht immer schief, denn danach bin grundsätzlich niedergedrückt. Mit solchen Menschen umzugehen ist absolute Schwerstarbeit für mich, mit einer Ausnahme: Kinder.
Mit Kindern umzugehen ist wie Ferien von der Krankheit haben. Kinder sind immer direkt, keine Ironie, kein e komplizierten unterschwelligen Botschaften, keine geheime Agenda und sie sind lausige Lügner. Natürlich kommt nach dem Besuch auch ein Backlash, aber nicht wegen des Umgangs mit Ihnen, sondern wegen der Abwesenheit der Leichtigkeit des sozialen Umgangs.
Drei oder vier geliebte Menschen gleichzeitig zu besuchen ist fast undenkbar. Man stelle sich ein rohes Ei vor,  nur ohne Schale, was man durch ein Minenfeld balancieren muss. Gleichzeitig darf niemand merken, das man ein rohes Ei transportiert, weil eine Sonderbehandlung sofort die Depression verstärkt. Es ist eine No-Win-Situation.

Wenn man dann wieder alleine ist wird es, unsichtbar für alle anderen, fürchterlich. Man kann sein Bett quasi nicht mehr verlassen und nur noch Dinge tun, die absolut notwenig sind für das physische Überleben, also Essen, Trinken, Schlafen.
In dieser Phase hilft fast nichts. Man kann aber durchaus akute Phasen lindern. Kleine, definierte, sichere Belohnungen. Klassischer Behavorismus nach Skinner für den Hausgebrauch sozusagen. Jeder tut das, auch wenn man das als solches meistens nicht erkennt, weil man weder Psychologie noch ein verwandtes Fach studiert hat. Zum Beispiel das kühle Bier nach getaner Arbeit, der Entspannungstee oder ein wenig Schokolade. Oder, die harte Droge für Depressive, MMORPGs. Kleine Belohnungen für kleine Dinge, Skinner pur, eher schon Pawlow. Hunderte, tausende davon. Mit allen Nebenwirkungen wie Suchtverhalten und die ganzen sekundären Symptome, wie schlechte Ernährung und wenig Bewegung.

Das war sozusagen der erste Kreis der Hölle. Wenn es dabei bliebe, wäre das noch zu verschmerzen. Ist man halt ein wenig komisch und lebt wie ein Einsiedler. Stabile Beziehungen ausgeschlossen, Freundschaften anstrengend. Seit ungefähr 2004-2005 lebe ich damit.

Der zweite Kreis der Hölle

Seit ca. 1,5 bis 2 Jahren kommt der zweite Kreis der Hölle dazu. Das Unvermögen einer geregelten Beschäftigung nachzugehen. Arbeit, Studium? Ausgeschlossen! Warum? Nun, die Unsicherheit im Umgang mit Menschen nimmt zwar mit der emotionalen Beteiligung graduell ab, aber es gibt ja noch andere Menschen die wichtig sind und einen beurteilen. Lehrer zum Beispiel, oder in meinem Fall, Universitätsprofessoren.
Bilder im Text erhöhen die Lesbarkeit
Um ein Beispiel zu geben: Ich hatte eine Prüfung in Allgemeiner Chemie am Anfang meines Studiums in Bremen. Zulassungsvorraussetzung war eine kummulierte 60%ige Richtigkeit aller Hausaufgaben über das gesamte Semester. Ich hatte am Ende 98,5% aller möglichen Punkte erreicht. Es gab schlicht niemanden im Kurs mit einer höheren Punktzahl. Trotzdem war ich nicht in der Lage an der Prüfung teilzunehmen. Die fehlenden 1,5% waren so demotivierend, das an eine Prüfungssituation nicht zu denken war. Anderes Beispiel, 2 Jahre später. Diesmal eine tatsächliche Prüfung im Fach Meereschemie. Null geübt, niemals in der Vorlesung gewesen, trotzdem so mit ach und krach bestanden. Absolute Horrovorstellung als Magna cum Laude-Promovent mit etwas anderem abzuschliessen als einer Eins. Aber niemand kann eine Universitätsprüfung gut bestehen ohne irgendetwas dafür zu tun. Folge: Ich ging gar nicht mehr zu Prüfungen. Das ist auch keine singuläre Prüfungsangst oder eine verschärfte Form der Prokrastination. Das ist ein Symptom der Grunderkrankung. Unter diesen Umständen in eine Prüfung zu gehen, die eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema erfordert nur um sie zu bestehen, wie etwa Physikalische Chemie und Thermodynamik? Undenkbar!
Glücklicherweise erfordert das Lehramtsstudium, soweit es sich um nicht fachgebundene Qualifikationen handelt, kein Gehirn. Dafür reicht das Rückenmark. Es gipfelte in einem Seminar, das eine wissenschaftliche Publikation besprach in der als Ergebniss festgestellt wurde, das Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit und Ungerechtigkeit des Lehrers zu Vertrauensverlust beim Schüler führt.
Das intellektuell fordernde kann ich nicht machen, weil die Versagensängste zu groß sind und den Rest kann ich nicht machen, weil ich es in jeder Leihbücherei durch Lektüre von 1-2 Büchern selber erlernen könnte. Das killt den Rest jeder Motivation.

Der dritte Kreis der Hölle

Ohne (besser reduzierte) komplexe  soziale Beziehungen und ohne Beschäftigung kann man immer noch leben. Nicht besonders gut, aber es geht. Die nächste Kontrolle, die man verliert ist die des Alltags. Mit reduziertem Sozialleben und ohne sinnvolle Beschäftigung ist es nämlich egal, ob man das Loch noch stopft, was in der Socke klafft, oder die Wohnung aufräumt, abwäscht. Man verludert und verschlampt sozusagen. Rasieren? Wieso? Das ist dann der Zeitpunkt, wo man sich nicht mehr vor sich selber verstecken kann, denn man kommt auf dem Weg zum Klo ja am Spiegel vorbei. Ziemliche erschreckende Anblicke, die man dann ertragen muss. Das war dann ungefähr der Zeitpunkt, wo ich mal zum Arzt gegangen bin.

Womit ich nun am Ende meiner kleinen Selbstbetrachtung angekommen wäre und zur Auflösung eines kleinen Rätsels. Nämlich der Frage warum mein Blog eigentlich "De Profundis" heisst. Es ist der Beginn des Psalms 130, des Bußpsalms aller Tiefseetaucher und Depressiven.

De profundis clamavi ad te, Domine;
Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuæ intendentes
in vocem deprecationis meæ.
Si iniquitates observaveris, Domine, Domine, quis sustinebit?
Quia apud te propitiatio est; et propter legem tuam sustinui te, Domine.
Sustinuit anima mea in verbo ejus:
Speravit anima mea in Domino.
A custodia matutina usque ad noctem, speret Israël in Domino.
Quia apud Dominum misericordia, et copiosa apud eum redemptio.
Et ipse redimet Israël ex omnibus iniquitatibus ejus. 

Weil die Bußpsalmen ein Bekenntniss der Schuld in sich tragen, ist es thematisch mehr als passend, auch wenn ich ungefähr so religiös bin wie Josef Stalin. Für die Schöngeister vergleiche auch die berühmte Kantate von Johann Sebastian Bach (BWV 131). In diesem Sinne:

Aus der Tiefe, oh Herr, rufe ich zu Dir.

1 comments:

Anonym hat gesagt…

Nice... ich bin selbst Betroffene und es fällt mir noch schwer zu verstehen, warum und wieso unser Gehirn so funktioniert. Warum können wir nicht wie die andere Menschen sein. Wieso können wir nicht gesund denken.
Mir persönlich half diesen Depression Test um herauszufinden, dass ich wirklich KRANK war. Doch dachte ich, dass es nur eine schlechte Zeit wäre. In meinem Fall war der Ursprung der Erkrankung (glaub ich, vllt war noch früher) wegen einer alten Beziehung.
Wie ist mit Dir und deine Ex-Freundin?? Bist du noch in verliebt?? Hast du noch Gefühle? Wieso kannst du sie nicht ansprechen? ich kann im Gegenteil nicht vermeiden, mindestens 1mal am Tag meinem Exfreund anzusprechen... :(
Na ja, ich hoff das selbe als duzitoga, schreib bitte weiter und gib nicht auf. Ich mag deine Texte und helfen mir sehr.

Liebe Grüße,

Pandora.

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