Dienstag, 13. November 2012

Living in a bubble


Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!


Eigentlich wollte ich jetzt über die Therapie schreiben und was ich hier den ganzen Tag mache, aber ich finde ich sollte erst ein paar Worte über Patienten dieses Krankenhauses verlieren. Es sind ungefähr 400 give or take. Den besten Überblick bekommt man, wenn man im Speisesaal die Leute beobachtet. Man kann dort heiteres Gestörtenraten spielen.
Der alte Fritz, völlig gechillt angesichts seiner Untertanen
Am meisten ins Auge fallen natürlich die Adipösen. Damit meine ich allerdings Leute, gegen die ich gertenschlank bin. Sie sind meistens an der Salattheke zu finden (wegen gesund und so). Das ist aber nur Show. Von der Menge wird kein Mensch satt, die haben sicher andere Kanäle um sich vollzustopfen.

 Als zweites, und da muss man schon genauer hinschauen, fallen einem die Anas und die Mias auf. Die sitzen immer an einem eigenen Tisch und kaschieren ihren Körper durch zwei Pullover und drei Strumpfhosen. Ausserdem tanzen sie ne halbe Stunde um ein Radieschen rum, was sie umständlich zerteilen und mit einem Salatblatt garnieren. Sie trinken meist nichts! Warum? Weil sie morgends schon 2 Liter vor dem Wiegen getrunken haben. Da hat man dann keinen Durst mehr.  Manchmal, wenn ich schlecht drauf bin, tische ich mir ordentlich auf, setze mich direkt an den Nebentisch und haue zünftig rein.

Achja: Anas, Mias, Bordis, Depris. Euphemismen, Diminuitive und kryptische Abkürzungen jeglicher Art sind an der Tagesordnung. Hauptsache man ist weit weg von der klinischen Terminologie und der kalten Realität. Verdrängung ist ein großes Ding hier.

Die nächste große Gruppe sind die Bordis. Immer lange Ärmel, ist ja klar. Will man aber auch garnicht sehen, diese Unterarme. Davon haben wir einen ganzen Sack voll auf der Station. Dort sind sie dann unter sich und da ists dann auch egal. Sind eh meist Verbände drauf.

Dann gibt es noch die kleine, aber feine Gruppe der Zwangsgestörten. Der Eingang vor unserer Klinik ist gepflastert. So viele Linien. „Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe…“ Ihr wisst schon. Fugenränder von Fliesen: Unüberwindbar. Ich bin mal frühstücken gegangen und kam 30 Minuten später aus dem Speisesaal wieder raus. Geländefortschritt: 5 Meter. Leben am Ereignisshorizont eines schwarzen Lochs. Der Blick total abwesend. Vermutlich sind alle anderen in Ihrer Welt Kolibris.  

Die Depressiven sind die Ninjas unter den Gestörten. Die haben Ihr Umfeld und vor allem sich selbst solange belogen, das es Ihre zweite Natur geworden ist. Anas und Mias haben auch camouflageartige Eigenschaften wenn es ums essen geht, aber irgendwann sieht man es einfach. Ein Depressiver kann jahrelang unerkannt unter euch wandeln, bucht dann eine Bootspartie in Charons Kahn und Ihr fragt euch: Why?
Macht euch echt keine Vorwürfe, dass könnt Ihr nicht sehen. Der Leitende Psychologe hat mich zum Beispiel krass falsch diagnostiziert. Deswegen bin ich jetzt hier auf der Station der einzige Depressive in einem Meer von Borderlinern, die mich mit Ihren Igelbällen bewerfen.  Sie mögen mich aber sehr, weil meine präfinale Lethargie Ihre parasuizidale Hochspannung blockiert.

F60.31 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ und F33.3 Rezidivierende depressive Störung sind Brüder im kranken Geiste sozusagen. Wo sie weiß sind, bin ich schwarz, ihre Verhaltensmuster sind dichotom, meine sind der ewig monotone Kreis der Hölle. Diese Dichotomie der Gedanken ist allerdings mitunter anstrengend für mich. Morgends bin ich das arrogante Arschloch mittags der anbetungswürdige Guru und abends fliegen wieder die Igelbälle. Mitunter durchmessen sie das gesamte Spektrum innerhalb von 30 Minuten.

Dabei haben wir durchaus auch gleichartige Symptome. In der tiefsten Lethargie, in der mondlosen Nacht eines Depressiven trennt sich der Geist buchstäblich vom Körper. Was sich sehr esoterisch anhört nennt man eine psychologische Dissoziation, oder, in medizinischen Begrifflichkeiten, einen depressiven Stupor. Dabei ist man völlig klar, man kann sich nur nicht bewegen. Es ist das ultimative Stoppsignal des Gehirns. Der Motor koppelt aus, der persönliche Schwarzschild-Radius ist erreicht, die Welt friert ein, Schmetterlinge im Inneren des Welteneis. Ist nicht einmal unangenehm übrigens.

Tricky Dick, kennt tiefe Täler und hohe Gipfel
Der Spannungszustand eines Borderliners auf der anderen Seite kann so hoch sein, das er es nicht mehr bis zu seinen Rasierklingen schafft. Dann lehnt er sich an die  nächste Wand, rutscht daran herunter und sein  Geist dissoziiert. Man darf dann auf keinen Fall eingreifen. Es ist ein Zustand höchster Sensibilität. Manchmal muss man hier auf dem Gang buchstäblich über dissoziierte Borderliner steigen.

Ich kann mir vorstellen, das sich das jetzt hier für euch total gruselig anhört und irgendwelche Horrorbilder imaginiert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Dieser Ort ist ein Amnion der Fürsorglichkeit, das Zentrum des Welteneis. Hier muss ich keine Maske tragen, ich kann meinen Panzer ablegen. Alle Patienten hier, egal welcher Klassifikation,  haben eines gemein. Sie sind deutlich sensibler als ihr. Ihr kommt uns vor wie emotionale Volltrottel, ihr seid grob, nehmt keine Rücksicht und vor allen Dingen versteht ihr nichts.

Man muss im tiefsten Tal gewandelt sein, um zu wissen wie es ist auf dem höchsten Gipfel zu stehen.

Im übrigen ist es nach wie vor sinnlos mich anzuschreiben. Ich habe einen Brief bekommen, ist direkt ungeöffnet zum Therapeuten gewandert, wird irgendwann in 2-5 Wochen mal gemeinsam gelesen. Alles was hier physisch ankommt wandert direkt ins Büro meines Therapeuten. Bitte lassen, er hat noch andere Patienten und seine kleine Bruchbude hat nur ein begrenztes Fassungsvermögen. Der E-Mail-account hat neuerdings  ein Passwort, das ich nicht kenne und die Durchwahl auf mein Zimmer ist zwar telekommunikationstechnisch möglich, wird aber natürlich von Drachen bewacht. Die kleinste emotionale Erschütterung hat im jetzigen Stadium unabsehbare Folgen. Vorgestern hat eine verschwundene Popcorntüte für 99 Cent dazu geführt das ich 36 Stunden nicht schlafen konnte und 24 Stunden nichts gegessen habe. Ich habe keine Lust zu den 2% Patienten zu gehören, die von hier in die geschlossene verlegt werden müssen. Von dort aus gibt es einen direkten Zugang zu den unterirdischen Menschenfabriken hab ich gehört!